"Geschichte, die direkt nachwirkt"

10.10.2016 von Corinna Bertz in Varia
In den Jahren 1933 bis 1945 wurden an der Uni Halle mindestens 43 Hochschullehrer aus dem Dienst entlassen – in der Mehrzahl, weil sie jüdische Vorfahren hatten oder politisch verfolgt wurden. 2013 gedachte die Universität mit einer Publikation und einer Veranstaltung dieser Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Nachfahren der Vertriebenen kamen dazu auch aus Israel und den USA nach Halle. Viele dieser Menschen hat das Projekt, das den Titel „Ausgeschlossen“ trägt, seitdem nicht mehr losgelassen, wie PD Dr. Friedemann Stengel im Interview berichtet. Er leitet die Rektoratskommission, die Namen und Lebensläufe recherchiert und weiter an der Aufarbeitung der Universitätsgeschichte arbeitet
Friedemann Stengel
Friedemann Stengel
(Foto: Jörg Hammerbacher)

Wie gestaltet sich der Austausch mit den Angehörigen seit der Gedenkveranstaltung 2013?

Friedemann Stengel: Kontakt besteht nach wie vor, meist auf einer sehr persönlichen Ebene. Monate nach der Veranstaltung hat mich zum Beispiel eine der drei Töchter von Ernst Wertheimer, die auch an der Gedenkveranstaltung teilgenommen hatten, auf dem Handy angerufen. Ihr Vater, der Physiologe Ernst Wertheimer, war 1933 aus dem Dienst der Uni Halle entlassen worden, weil er Jude war. Ich war gerade mit dem Rad unterwegs, sie rief aus Israel an und sagte nur: „Seit ich in Halle war, ist es nicht mehr wie vorher. Nur das möchte ich Ihnen sagen.“ Das war für mich ein sehr bewegender Moment.
Mit wem sind Sie noch in Kontakt?

Immer wieder mit John Rothmann aus San Francisco. Er ist der Sohn des Internisten Hans Rothmann, und ihm ging es so wie vielen Angehörigen: Die Vertriebenen haben mit ihren Familien kaum über das Erlebte gesprochen. Bei John Rothmann, der in den USA als Radiojournalist und Historiker arbeitet, hat diese Gedenkveranstaltung eine große emotionale Bewegung ausgelöst – weil es um seinen Vater geht. Ihm lag und liegt viel daran, seine Geschichte öffentlich mitzuteilen. Er hat deshalb selbst wiederholt in der Wochenzeitschrift „Jewish News Weekly“ darüber und über seine Reise nach Halle geschrieben. Über seine Artikel habe ich auch erst erfahren, dass sein Großvater Max Rothmann vor 1915 königlicher Oberarzt und Universitätsprofessor in Berlin gewesen ist.

John Rothmann sprach 2013 bei der Gedenkfeier für die vertriebenen Hochschullehrer.
John Rothmann sprach 2013 bei der Gedenkfeier für die vertriebenen Hochschullehrer.
(Foto: Maike Glöckner)

Erst im August hat John Rothmann über ein neues bewegendes Kapitel seiner Familiengeschichte geschrieben.

Seine beiden Söhne, die auch zur Gedenkveranstaltung nach Halle gekommen waren, haben am 117. Geburtstag ihres Großvaters die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Dies ist von der Veranstaltung und dem „Ausgeschlossen“-Projekt angeregt worden.

Im Rahmen des Projekts wurde auch der Gedenkband „Ausgeschlossen“ veröffentlicht, der die Biographien von 43 vertriebenen Hochschullehrern enthält. Welche Reaktionen gab es auf diese Publikation?

Lange, nachdem wir den Band veröffentlich hatten, bekam ich eine E-Mail von Bernadette Laqueur aus Seattle, Washington. Ihr Großvater, der Althistoriker Richard Laqueur, musste 1936 als einer der letzten Professoren die Uni Halle wegen seiner jüdischen Vorfahren verlassen. Er emigrierte in die USA, schlug sich dort mit Gelegenheitsarbeiten durch und wurde nach seiner Rückkehr nach Deutschland auf Betreiben der Deutschen Verwaltung für Volksbildung in der SBZ wegen seiner nationalkonservativen Haltung auch nach 1945 nicht wieder auf eine Professur berufen, obwohl man sehr wohl wusste, dass er als „Volljude“ aus seiner Professur entlassen worden war. Seine Enkelin war bei der Vorbereitung ihrer Europareise auf unser „Ausgeschlossen“-Buch gestoßen. Sie wollte gemeinsam mit ihrem Mann die Orte ihrer Vorfahren in Polen und in Halle besuchen. Im Mai 2015 trafen wir uns also in Halle und fuhren gemeinsam nach Dölau, zu dem Haus, in dem ihre Mutter aufgewachsen war. Wir trafen auf den jetzigen Hausbesitzer, der vieles über die Laqueurs wusste, was der Enkelin völlig unbekannt war und sie geradezu sprachlos machte. Auch dies ist eine Frucht des „Ausgeschlossen“-Projekts.

Kamen nach der Veröffentlichung auch noch andere auf Sie zu?

Vor zwei Jahre hat mich Pavel Sládek angeschrieben, Leiter des Zentrums für Jüdische Studien am Institut für Nahost- und Afrikastudien der Karls-Universität Prag. Er ist über Google auf unser Buch gestoßen. Das Institut hatte auf einem Dachboden Lehrbücher und Unterrichtsmaterial von Mojzis Woskin-Nahartabi gefunden, der in Halle zunächst als Universitätslektor und ab 1934 dann nur noch als Hilfsarbeiter beschäftigt wurde. Woskin-Nahartabi ging nach Prag, von dort wurde er nach Theresienstadt deportiert und 1944 mit seiner Familie in Auschwitz ermordet. Auch im Ghetto unterrichtete er noch Hebräisch und Arabisch. Die Prager wollen ihr Institut nach ihm benennen. Pavel Sládek sucht gerade auch deshalb Kontakt nach Halle.

Im November wird jetzt die zweite Auflage des Ausgeschlossen-Gedenkbands erscheinen. Sind zu den 43 Biographien der ersten Ausgabe weitere hinzugekommen?

Nein, die Texte der ersten Ausgabe wurden vielmehr überarbeitet und zum Teil auch ergänzt. Das Buch erscheint aber erstmals als Studienausgabe im Universitätsverlag und ist somit mit einem Preis von 25 Euro sehr viel günstiger als die gebundene Erstauflage.

Sind weitere Publikationen geplant?

Es gibt eine neue Schriftenreihe im Universitätsverlag, deren Herausgeber ich bin. In dieser Reihe wollen wir ungedruckte, verbotene, nicht mehr erhältliche oder private handschriftliche Texte damals vertriebener Hochschullehrer veröffentlichen – versehen mit minimalen Kommentaren und einem Nachwort der heutigen Nachfolger auf den jeweiligen Lehrstühlen an der Uni Halle. Dabei geht es uns nicht nur darum, durch die Veröffentlichung jeweils die Verfasser zu würdigen. Die Texte sind auch aus heutiger Perspektive von wissenschaftlichem oder kulturgeschichtlichem Belang. In dieser Reihe haben wir bereits „Die Peripheren“ von Ernst Grünfeld veröffentlicht. Darin beschäftigt sich der Soziologe Grünfeld mit Prozeduren, durch die Minderheiten in Gesellschaften ausgeschlossen werden. Ohne sich selber zu nennen, legt er damit eine wissenschaftliche Darstellung seiner eigenen Geschichte vor. Die Kommentare und das Nachwort hat Reinhold Sackmann geschrieben, der heute den Lehrstuhl für Soziologie innehat.

Woran arbeitet Ihre Projektgruppe – der offizielle Titel lautet Kommission zur Aufarbeitung der Universitätsgeschichte in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts – zurzeit noch?

Ziel der Projektgruppe ist es, ausgehend von der Professoren-Ebene auch auf die Vertriebenen auf der Ebene des akademischen Mittelbaus und der Studierenden zu kommen. Das ist sehr schwierig, denn die Assistenten hatten damals keine Personalakten. Wir wollen auf dieser Ebene weiter recherchieren und sind dazu auch auf Hinweise angewiesen: Wer Fälle von Studierenden oder Mitarbeitenden kennt, die vor 1945 aus politischen oder rassischen Gründen vertrieben wurden, soll sich bitte bei uns melden. Im Universitätsarchiv existiert beispielsweise ein „Stammbuch nicht arischer Studenten“, das 1935 offenbar im Zusammenhang mit den Nürnberger Gesetzen angelegt worden ist. Darin sind 23 Studierende gelistet, die alle exmatrikuliert wurden. Wir wissen aber nichts über die exmatrikulierten Studierenden aus den Jahren 1933 bis 1935.

Damit sind die Diktaturen des 20. Jahrhunderts noch nicht abschließend behandelt.

Bei aller nötigen Differenzierung zwischen den beiden Diktaturen wollen wir uns auch mit den politisch verfolgten Uni-Angehörigen der DDR-Zeit beschäftigen, gerade auch, um einem gewissen Trend entgegenzuwirken, die beiden Aufarbeitungen gegeneinander auszuspielen. Für die Zeit von 1945 bis 1961 gibt es bereits ein sehr ausführliches Buch der Wissenschaftshistorikerin Sybille Gerstengarbe, für die Zeit danach liegt noch nichts Erschöpfendes vor, nur Einzelstudien. Dazu recherchiert jetzt der Historiker Andreas Thulin, den wir für die Kommission dank der Finanzierung durch das Rektorat als wissenschaftlichen Mitarbeiter anstellen konnten. Nach der ersten Recherche kommen wir auf mindestens 200 Fälle, in denen Hochschulangehörige nach 1961 politisch motivierten Disziplinar- und Strafverfahren ausgesetzt waren. Diese Zahl dürfte sich noch deutlich erhöhen. Ziel der Kommission ist es letztlich, eine Empfehlung dazu abzugeben, wie die Universität mit diesen Fällen umgehen soll und wie wir als Universität auf diese Menschen zugehen können. Aus meiner Sicht hängt die aktuelle politische Situation in Deutschland und insbesondere in Ostdeutschland auch damit zusammen, dass es keine ausreichende, über die juristische Ebene hinausgehende und in der Mehrheitsgesellschaft tatsächlich rezipierte Auseinandersetzung mit den politischen Verfolgungen von politisch Resistenten und Oppositionellen gegeben hat. Deshalb halte ich das Projekt – insgesamt – für politisch hochgegenwärtig. Es befasst sich nicht mit vergangener Geschichte, sondern mit einer Geschichte, die über die davon Betroffenen direkt nachwirkt.

Kontakt:
PD Dr. Friedemann Stengel
Institut für Bibelwissenschaften und Kirchengeschichte
Tel.: 0345 5523056
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