Gegen Risiken und Nebenwirkungen

22.01.2015 von Corinna Bertz in Studium und Lehre, Campus
Zum Wintersemester ist die neue Lehrapotheke des Instituts für Pharmazie offiziell an den Start gegangen. Damit liegt ein Jahr Vorlaufzeit hinter Prof. Dr. Ralf Benndorf, der das Projekt initiiert hat. Schrittweise soll es nun in die Ausbildung künftiger Apotheker integriert werden. Unter Echtbedingungen, aber dennoch im geschützten Raum, sollen sie dort lernen, wie man Kunden richtig berät. Mit dem Einsatz der Lehrapotheke werden neue Maßstäbe gesetzt, denn zum Alltag gehört eine solche Einrichtung an Hochschulen längst noch nicht.
Mit der neue Lehrapotheke am Institut für Pharmazie sollen Studierende künftig noch besser auf ihren späteren Job vorbereitet werden.
Mit der neue Lehrapotheke am Institut für Pharmazie sollen Studierende künftig noch besser auf ihren späteren Job vorbereitet werden. (Foto: Markus Scholz)

Wer sich ein Bild von der halleschen Lehrapotheke machen will, muss ganz nach oben steigen. Etwas versteckt liegt sie im Dachgeschoss des Instituts für Pharmazie auf dem Weinberg-Campus. Verstecken muss sich das innovative Projekt keinesfalls, denn was hier im vergangenen Jahr aufgebaut worden ist, lässt sich auf den ersten Blick von einer normalen Apotheke kaum unterscheiden: Der breite Tresen, die sorgfältig um ihn herum gruppierten Medikamente, dazu noch Regale mit diversen medizinischen Kosmetika. Die Echtheit des Ambientes ist gewollt. Schließlich sollen die angehenden Apotheker in dieser Szenerie ganz nah an der Praxis lernen, wie man quasi unter Echtbedingungen, aber dennoch in geschützter Atmosphäre kompetent und fachgerecht Patienten berät.

 Eigens für das Übungsprogramm soll auch eine gängige Apothekensoftware installiert werden.
Eigens für das Übungsprogramm soll auch eine gängige Apothekensoftware installiert werden.
(Foto: Markus Scholz)

„Diese Fähigkeit ist im späteren Berufsalltag enorm wichtig, deshalb muss sie geübt werden“, sagt Prof. Dr. Ralf Benndorf. In der überwiegenden Zahl der Fälle seien es sehr komplexe Kenntnisse, die ein Pharmazeut beim Blick auf ein Rezept abrufbereit haben muss: Fragen der Unverträglichkeit zählten ebenso dazu wie unerwünschte Wechselwirkungen von Medikamenten, zum Beispiel dann, wenn ein Patient mehrere Erkrankungen hat. Dabei, so Benndorf, dürfe man sich keinen Fehler leisten. Schließlich seien die Wirkungen von Arzneimitteln hochkomplex. Eine falsche Entscheidung könne zu folgenschweren Komplikationen führen. Ein Beispiel: Ein Patient, der an Asthma leidet, bekommt ein Medikament gegen Bluthochdruck verordnet. Die darin enthaltenen Betablocker sind für Asthmatiker jedoch schädlich und dürften in diesem Fall nicht zum Einsatz kommen.

Wie muss man sich das Training nun vorstellen? „Eigentlich üben wir hier Situationen, wie sie in einer Apotheke tagtäglich vorkommen können“, sagt Ralf Benndorf, in dessen Lehrveranstaltungen die Trainingsapotheke nun hauptsächlich zum Einsatz kommen wird. Das Projekt wurde durch Spenden der Firma Hexal ermöglicht. Die Lehrapotheke ist mit Computern, aktueller Software sowie Mustern von Arzneimitteln ausgestattet. Dieser Fundus soll durch eine Kooperation mit der Apotheke des Universitätsklinikums Halle nach und nach durch weitere Arzneimittel-Muster ergänzt werden. Dadurch wird sichergestellt, dass bei den Übungen eine große Vielzahl von Arzneistoffen verschiedener Hersteller zur Verfügung steht.

In einem ersten Schritt sollen die Studenten in Gruppen zusammenarbeiten und ein Beratungsgespräch zu einem Medikament vorbereiten, das ihnen vorher genannt wird. Später, so ist es geplant, wird das Training noch einen Schritt weiter gehen. Dann erhalten sie Rezepte, deren Inhalt sie vorher nicht kennen. Anschließend beraten sie ihre Kommilitonen, die vorher in die Rolle von Patienten geschlüpft sind. Keine leichte Aufgabe, denn, so Pharmazie-Professor Benndorf, „dabei müssen sie in der Lage sein, in kürzester Zeit komplexe Probleme der Arzneitherapie zu erkennen und in leicht verständlicher Sprache an den Patienten zu kommunizieren.“ Später sollen diese Lehrveranstaltungen außerdem auf Video aufgenommen werden, damit die Studenten ein Feedback ihrer Leistung bekommen und so besser an Fehlern arbeiten können.

Eigens für das Übungsprogramm soll auch eine gängige Apothekensoftware installiert werden. Mit ihrer Hilfe können über einen Scanner Informationen zu Medikamenten angezeigt werden. Der Umgang mit dieser Technik muss ebenso erlernt werden wie der mit einem mannshohen Touch-Pad, auf dem etwa Lehrfilme zur richtigen Anwendung von Asthmasprays gezeigt werden können.

Weil all das bereits ein sehr hohes Maß an Vorkenntnissen erfordert, sind es vor allem die Studenten des fünften Studienjahres, die in der Lehrapotheke ausgebildet werden. „In ersten Tests haben sie sehr positiv auf das neue Angebot reagiert“, sagt Ralf Benndorf, der seit einem Jahr in Halle lehrt. Der Pharmazeut, der Deutschlands erste und bisher einzige W3-Professur für klinische Pharmazie und Pharmakotherapie innehat, ist sich sicher: „Unsere neue Lehrapotheke wird das Niveau der Ausbildung weiter heben. Das kommt letztlich auch dem Ruf der Pharmazieausbildung an der Martin-Luther-Universität zugute.“ Ines Godazgar

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