Fortsetzung folgt? Hallesche Archäologen in Syrien

25.05.2012 von Corinna Bertz in Forschung, Wissenschaft
77 Jahre lang ruhten die Ausgrabungen am syrischen Tell Halaf, einem der wohl bekanntesten Ruinenhügel des Nahen Ostens. Seit 2006 macht sich ein syrisch-deutsches Team daran, die Grabungen fortzusetzen und die Siedlungsgeschichte vor Ort über die Jahrtausende – von der prähistorischen zur aramäischen Zeit bis in die hellenistische Ära – genauer zu erforschen. Dr. Jörg Becker und Professor Felix Blocher vom Seminar für Orientalische Archäologie und Kunstgeschichte berichten von den Arbeiten – und den besonderen Umständen, auf die sich Forscher in Nahost einstellen müssen.
Arbeiter am Nordhang des Tell Halaf
Arbeiter am Nordhang des Tell Halaf (Foto: L. Simons)

Fünf Grabungskampagnen, von 2006 bis 2010, haben Sie bereits vor Ort durchführen können. Aktuell sind Ihre Untersuchungen allerdings auf Eis gelegt…

Becker: Richtig. Aufgrund der Auseinandersetzungen in Syrien und der bestehenden Reisewarnung des Auswärtigen Amts ist es uns unmöglich, vor Ort zu arbeiten. Derzeit befassen wir uns also vorrangig mit der Dokumentation, der Aufarbeitung und Auswertung der mitgebrachten Funde und Daten, der Erstellung von Plänen etc. Denn Mitte des Jahres wollen wir unseren zweiten Vorbericht zur Publikation bringen.

Blocher: Wenn wir fahren wollten, könnten wir es nur auf eigenes Risiko und eigene Kosten tun. Wir könnten ja in dieser unsicheren Situation auch keine Studenten mitnehmen, nicht die Verantwortung für den Einsatz übernehmen.

Professor Felix Blocher
Professor Felix Blocher
Wie groß war und ist der Einfluss der politischen Geschehnisse, gerade im Nahen Osten, auf die Möglichkeit, vor Ort zu forschen?

Blocher: 1979 zum Beispiel, als der Schah im Iran gestützt wurde, war schlagartig jegliche archäologische Tätigkeit abgebrochen. Auch als der erste Golfkrieg begann, gab es einen kleinen Bruch, nach dem Einmarsch in Kuwait 1990 ebenso und natürlich 2003, als der zweite Golfkrieg begann. Damit muss man eigentlich immer wieder rechnen. Syrien war über Jahrzehnte hinweg relativ stabil für die Archäologie. Aber wie es jetzt weitergeht, ist extrem schwierig zu sagen.

Wie werden Sie als europäische Forscher generell in der Region aufgenommen?

Blocher: Sehr positiv. Wir sind immer noch sehr willkommen, das kann man nicht anders sagen. Auch Bürokratie und Antragswesen werden in Syrien eher liberal gehandhabt, man muss nicht unzählige Stadien, Ministerien etc. durchlaufen. Wenn man dann vor Ort ist, ist man ja zumindest auch für eine gewisse Zeit Arbeitgeber für die örtliche Bevölkerung. Und diese zusätzliche Verdienstmöglichkeit wird natürlich sehr positiv auf- und gern angenommen.

Dr. Jörg Becker
Dr. Jörg Becker
(Foto: privat)
Warum sind die Grabungen am Tell Halaf nach fast 80 Jahren überhaupt wieder aufgenommen worden?

Becker: Anfang des 20. Jahrhunderts konnten – auf Initiative des Kölner Bankierssohns Max Freiherr von Oppenheim – am Tell Halaf zahlreiche Bildwerke aus dem 1. vorchristlichen Jahrtausend und mehrere öffentliche Gebäude und Monumentalbauten einer eisenzeitlichen, aramäischen Stadtanlage mit Zitadelle und Unterstadt freigelegt werden: das antike Guzana. Ferner brachten die frühen Ausgräber prähistorische Keramik in großen Mengen ans Licht. Aus den Altgrabungen haben sich für die Forschung allerdings auch zahlreiche Fragestellungen ergeben. Die wollen wir in dem aktuellen syrisch-deutschen Projekt klären.

Worauf zielt das neue Grabungsunternehmen ab?

Becker: Wir erhoffen uns Erkenntnisse zur Chronologie der eisenzeitlichen Besiedlung und darüber, wie sich die „Assyrierung“ der einst eigenständigen aramäischen Provinzhauptstadt Guzana gestaltet und beispielsweise in der Bebauung manifestiert hat. Ganz zu schweigen von den prähistorischen Zeiten. Aus den Altgrabungen haben wir ja nur die Keramik und Kleinfunde selbst, aber keine detaillierte Abfolge und keine exakte Chronologie. Die frühen Ausgräber hatten zudem ihre Schwierigkeiten, die prähistorische Lehmziegelarchitektur zu erkennen. Die Art und Weise des damaligen Vorgehens – Grabungen mit großen Arbeitstrupps von 300 bis 500 Arbeitern und nur wenigen erfahrenen Architekten – war wahrscheinlich auch nicht besonders hilfreich. Vieles wurde deshalb, zumindest was die prähistorischen Bauten angeht, schlicht nicht erkannt und teilweise sogar zerstört.

Das klingt damals wie heute nach einem sehr umfangreichen Vorhaben…

Becker: Das ist es! Von deutscher Seite sind wir rund 30 Beteiligte, Spezialisten und Studenten, von vier Institutionen: Das Vorderasiatische Museum in Berlin und die Universitäten Tübingen, München und natürlich Halle. Von syrischer Seite beteiligt ist die Antikenverwaltung in Hasseke. Unterstützt werden wir vor Ort von mittlerweile rund 100 einheimischen Arbeitern.

Ansicht des Tell Halaf von Norden. Blick auf die Zitadelle
Ansicht des Tell Halaf von Norden. Blick auf die Zitadelle
(Foto: G. Mirsch)
Worin bestehen die halleschen Aufgaben innerhalb des Projektes?

Becker: Wir sind speziell für die Prähistorie zuständig. Wir versuchen, eine komplette Abfolge der prähistorischen Besiedlung zu erarbeiten und zu klären, wie sich die bauliche Entwicklung und die Siedlungsstrukturen gestaltet und verändert haben. Bei entsprechender Grabungsfläche ergeben sich etwa durch unterschiedliche Hausgrößen oder Fundverteilungen Rückschlüsse auf Organisationsformen und soziale Strukturen. Dazu haben wir zunächst dort mit Grabungen begonnen, wo die frühen Ausgräber schon Halaf-Keramik gefunden hatten, und uns im weiteren Verlauf auf den Nordhang des Tells konzentriert. Begleitend werden von Spezialisten Botanikproben und Tierknochen analysiert, um herauszufinden, was die Lebensgrundlagen der Siedler waren und wie sich dies im Lauf der Jahrtausende verändert hat. Wir planen zudem, auch aufgrund der politischen Problematik, im nächsten Jahr die Begehung auf türkischer Seite des ehemaligen Fürstentums vorzuziehen. Wir haben in diesem Fall sozusagen noch eine Ausweichmöglichkeit.

Halaf-zeitliches Stempelsiegel aus Speckstein, frühes 6. Jt. v. Chr.
Halaf-zeitliches Stempelsiegel aus Speckstein, frühes 6. Jt. v. Chr.
Welche Erkenntnisse haben Sie bisher gewinnen können?

Becker: Wir konnten erstmals charakteristische Rundbauten der Halaf-Zeit freilegen – zunächst unter einigem Aufwand am sogenannten Westpalast, wo wir in eine Senke zwischen zwei prähistorischen Siedlungshügeln geraten sind, und später auch am Nordhang. Bisher haben wir fünf Rundbauten freilegen können, teils mit rechteckigen Anbauten, der größte mit rund 45 Quadratmetern Wohnfläche. Wir gehen davon aus, dass das Gelände der späteren Zitadelle kein einziges großes Dorf gewesen ist, sondern dass sich die Besiedlung auf verschiedene Kuppen im Zitadellenbereich verteilt hat und möglicherweise auch nach Verwandtschaftsgruppen gesiedelt wurde. Ferner gehen wir davon aus, dass punktuell an weiteren, einzelnen kleineren Anhöhen im Bereich der Unterstadt in Art von Weilern weitere Gruppen gesiedelt haben. Die prähistorische Besiedlung vor Ort scheint sich von ca. 6.500 v. Chr. über die komplette Halaf-Zeit bis in die Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. – dem Übergang zur Obed- und Uruk-Zeit – erstreckt zu haben. Wir können die Einordnung mittlerweile auch durch erste Radiokarbon-Daten und durch die relativ-chronologische Einordnung der bemalten Keramik absichern.

Was steht für mögliche kommende Grabungskampagnen auf dem Plan?

Becker: Von unserer Seite zunächst natürlich die Fortsetzung der Grabungsarbeiten im Bereich des Nordhangs. Wir hoffen, hier auch Obed-zeitliche und spätchalkolithische Baustrukturen auf größerer Fläche erfassen zu können, um in einem zusammenhängenden Bereich möglichst alle prähistorischen Kulturen beieinander zu haben. Dabei gilt es etwa zu klären, ob direkte Übergänge zu den jeweils nachfolgenden Kulturen oder Siedlungsverlagerungen stattgefunden haben. Erstmalig haben wir mit sogenannten Glockentöpfen, dem frühen Massenprodukt aus dem 4. Jahrtausend, Artefakte gefunden, die auf Kontakte und Austauschbeziehungen mit Südmesopotamien hinweisen; allerdings dürfte auch hier die lokale Komponente dominierend gewesen sein.

Interview: Claudia Misch

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