„Es liegt noch Vieles brach“

30.01.2012 von Corinna Bertz in Forschung, Wissenschaft
Ein echter Workaholic muss er gewesen sein, dieser Christian Wolff: Der Wahl-Hallenser und Professor an der hiesigen Universität gilt als der bedeutendste Kopf der Frühaufklärung in Deutschland, brachte eine voluminöse Schrift nach der anderen heraus - über Mathematik, Rechtslehre, Ethik, Politik, Logik und Metaphysik. Allerdings ist bei Weitem nicht alles über Philosophie und Wirken Wolffs bekannt. Das zeigt ein umfangreicher Briefwechsel mit dem Adeligen Ernst Christoph von Manteuffel, den eine Forschungsgruppe um Professor Dr. Jürgen Stolzenberg derzeit für eine historisch-kritische Edition bearbeitet. Im Gespräch mit scientia halensis erklärt Professor Stolzenberg, was diesen Schriftwechsel so interessant macht und worum es bei einem Editionsprojekt geht.
Brisantes Material: Der Briefwechsel zwischen Wolff und Manteuffel (Quelle: Universitätsbibliothek Leipzig, Ms 0345, fol. 172r)
Brisantes Material: Der Briefwechsel zwischen Wolff und Manteuffel (Quelle: Universitätsbibliothek Leipzig, Ms 0345, fol. 172r)

Woher rührt Ihr Interesse am Aufklärer Wolff und seiner Korrespondenz mit dem Staatsmann Manteuffel?

Die Edition des Briefwechsels zwischen Wolff und seinem Mäzen Manteuffel ist ein Nachfolgeprojekt, das sich im Zuge des 1. Internationalen Christian-Wolff-Kongresses in Halle im Jahre 2004 ergeben hat. In meiner Funktion als Organisator hatte ich mich bereits mit Wolffs Leben und Wirken beschäftigt, als Prof. Dr. Detlef Döring von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften auf mich zukam. Er berichtete mir von einem erstaunlich gut erhaltenen, umfangreichen Schriftwechsel zwischen Wolff und Manteuffel. Bekannt war dessen philosophischer Gehalt zwar schon seit 1910. In der Forschung allerdings hatte sich bis dato nichts gerührt, sodass uns schnell klar war: „Hier muss etwas getan werden!“ Im Frühjahr 2011 konnten wir endlich ans Werk gehen.

Philosoph und hallescher Kanzler: Christian Wolff (Quelle: Kustodie der MLU)
Philosoph und hallescher Kanzler: Christian Wolff (Quelle: Kustodie der MLU)
Warum wurden die Briefe denn bisher nicht genauer untersucht?

Wolffs strenge Systematik traf auf einen zusehends veränderten Zeitgeist nach Kant, der Wolffs Philosophie schon durchgreifend kritisiert hatte. Der deutsche Idealismus und die aufkommende Romantik hatten nichts mehr mit Wolffs System und dem Rationalismus, den er vertrat, zu tun. Zudem breitete sich der Schatten Hegels – ein langer Schatten – über seine Thesen und Schriften aus. So verblasste Wolffs einstiger Ruhm und erst in den 1960er Jahren keimte mit der großen Reprint-Ausgabe seiner Schriften wieder eine nennenswerte Wolff-Forschung auf. Unser Projekt soll nun einen weiteren Beitrag zur Aufarbeitung der Philosophie Wolffs und ihrer europaweiten Wirkung leisten.

In welcher Form soll dies geschehen?

Ziel unserer Arbeit ist eine historisch-kritische Edition des vorliegenden Materials. Der Anspruch ist dabei zum einen, die Briefe historisch einwandfrei zu erschließen, und zum anderen, die verschiedenen Varianten und Fassungen der Texte zu dokumentieren, also Abweichungen, Zweit- oder Drittfassungen und Entwürfe kenntlich zu machen. Die Edition soll nicht nur einen Lesetext, sondern auch die verschiedenen Bearbeitungsstufen präsentieren. Mit Kommentaren, Einleitungen und Regesten kommen dann um die 1500 Seiten zusammen, die wir sukzessive in drei Bänden veröffentlichen wollen.

Was ist nun das Besondere an der Korrespondenz zwischen Wolff und Manteuffel?

Zunächst einmal ist es schon eine kleine Sensation, dass die Briefe in erstaunlich guter Qualität und nahezu lückenlos erhalten sind. Immerhin handelt es sich um rund 500 Briefe, die sich über einen Zeitraum von zehn Jahren erstrecken. Im Gegensatz zu Wolffs Schriften sind seine Briefe nur spärlich überliefert und das, was bekannt ist, ist weit verstreut. Allerdings muss man erwähnen, dass auf Manteuffels Veranlassung hin die Briefe zusammengeführt worden sind, um sie für die Nachwelt zu erhalten.

Welche inhaltlichen Erkenntnisse sind aus den Briefen zu erwarten?

Dazu können wir schon einige interessante Aussagen machen. So gibt der Briefwechsel Einblicke in die bisher kaum erforschte späte Biografie Wolffs. Dann werden auch philosophische, politische und insbesondere auch naturwissenschaftliche Debatten der Zeit umfangreich erörtert. Dabei gehen die brieflichen Diskussionen zum Teil inhaltlich und thematisch über Wolffs veröffentlichte Schriften hinaus. Wolff experimentiert im gedanklichen Austausch mit Manteuffel, überdenkt und modifiziert sogar einige seiner früheren Thesen im Lichte neuer Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften. Ein weiterer wichtiger Punkt, den die Briefe dokumentieren, sind die bis dato unbekannten Kontakte Wolffs zu Adelskreisen, die unter anderem für seine Rückkehr nach Halle von Bedeutung waren. Und besonders wichtig ist die Tatsache, dass Manteuffel ein umfangreiches kommunikatives Netzwerk zur Verbreitung der Philosophie Wolffs unterhalten hat.

Wolffs Mäzen: Ernst Christoph Graf von Manteuffel (Quelle: Universitätsbibliothek Leipzig, Libri.sep. 138)
Wolffs Mäzen: Ernst Christoph Graf von Manteuffel (Quelle: Universitätsbibliothek Leipzig, Libri.sep. 138)
Wie hat man sich dieses Kommunikationsnetzwerk vorzustellen?

Schon ganz ähnlich, wie wir heute mit „Weiterleiten“ und Attachments arbeiten: Da zirkulierten die philosophisch relevanten Briefe aller Mitglieder der von Manteuffel gegründeten Gesellschaft „Societas Alethophilorum“ in Ausschnitten, in Abschriften oder mit Hinzufügung von Texten und Rezensionen, die im Zentrum der philosophischen Diskussionen standen. Der Briefwechsel mit Wolff war ein Strang dieses Netzwerkes, das bedeutend dazu beigetragen hat, Wolffs Philosophie im Land und europaweit zu verbreiten.

Wie gehen Sie vor, um die Briefe zu erschließen?

Ein Editionsprojekt läuft üblicherweise folgendermaßen ab: Zunächst einmal müssen die Originale möglichst genau transkribiert werden. Daran schließt sich die Erarbeitung der Kommentare zu den Texten und ihrer Entstehung an. Das setzt in der Regel sehr mühselige und oft auch kleinteilige Recherchen voraus. Es geht dabei unter anderem um Quellen, die in den Briefen verwendet worden sind, um sachliche Bezüge zu anderen Texten und zeitgenössischen Diskussionen, die im Text genannt werden oder ihm zugrunde liegen. Schließlich werden so genannte Regesten, Inhaltsangaben, erstellt. Die Editionstätigkeit ist also sehr anspruchsvoll und kann nur von ausgewiesenen Spezialisten geleistet werden.

Welche Kenntnisse braucht es für ein solches Vorhaben?

Sehr spezielle: Man braucht Mitarbeiter, die sich in der philosophischen Szene der Zeit auskennen und die mit den damaligen philosophischen Diskussionslagen vertraut sind. Zudem muss man Kompetenz und Sachverstand für die philologische Arbeit mitbringen. Schließlich müssen die Mitarbeiter auch in der Lage sein, genau die Themen zu erkennen, die kommentarbedürftig sind – und das geht oft nicht aus dem Text allein hervor. Für unser Projekt ist es zudem unerlässlich, sowohl die deutsche als auch die französische Sprache zu beherrschen. Denn Wolff hat zwar auf Deutsch geschrieben, Manteuffels Briefe hingegen sind allesamt in französischer Sprache abgefasst.

Erhöhte Schwierigkeit: Der Briefwechsel ist auf Deutsch und Französisch abgefasst (Quelle: Universitätsbibliothek Leipzig, MS 0347, fol. 20r)
Erhöhte Schwierigkeit: Der Briefwechsel ist auf Deutsch und Französisch abgefasst (Quelle: Universitätsbibliothek Leipzig, MS 0347, fol. 20r)
Werden die französischen Briefe übersetzt?

Wir haben uns entschieden, die Briefe in der Originalsprache abzudrucken, da wir davon ausgehen können, dass die Fachleute – und vorwiegend solche werden sich ja mit der Edition befassen – des Französischen mächtig sind. Es wird ja auch für jeden Brief eine ausführliche Inhaltsangabe auf Deutsch geben. Für eine bilinguale Ausgabe wäre ein vierter Band notwendig geworden. Vielleicht kann man später noch einmal darüber nachdenken.

Welche Wirkung erhoffen Sie sich von Ihrer Arbeit?

Wir würden uns wünschen, dass die Arbeit am Wolff-Manteuffelschen Briefwechsel, der nach unserem aktuellen Wissensstand erkenntnisreiche Grundlagenliteratur für die Aufklärungsforschung darstellt, andere Forscher anregt, sich dieses Themas anzunehmen. Denn es liegt noch vieles brach.

(Interview: Claudia Misch) Hintergrund:

Die Wolff-Manteuffel-Korrespondenz erstreckt sich über die Jahre 1738 bis 1748. Das Projekt unter Leitung von Professor Stolzenberg und Professor Döring (SAW) wird in Kooperation mit dem Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung an der MLU durchgeführt und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Es ist zunächst auf einen Zeitraum von drei Jahren mit der Option auf Verlängerung um weitere drei Jahre angelegt. Mit Ende der ersten Projektphase soll der erste der drei geplanten Editionsbände vorgelegt werden. Neben der Veröffentlichung in Buchform, sollen die Texte – ohne Kommentierung – für Wissenschaftler unentgeltlich in digitaler Form (open access) zugänglich gemacht werden.

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