Ein Tagebuch im Jugendarrest

03.04.2013 von Corinna Bertz in Studium und Lehre, Campus
Der Weg in die Jugendarrestanstalt in Halle führt durch ein großes Stahltor. Dahinter fällt der Blick auf einen langen Gang, in dem sich Tür an Tür reiht – alle verschlossen. Wiebke Zech kennt sich hier aus. Im Herbst 2012 hat die Masterstudentin der Erziehungswissenschaften ein Praktikum im Arrest absolviert. Die zusätzliche Arbeit in einem Projekt, in dem sie Tagebücher für die Jugendlichen konzipiert hat, wurde mit einem sogenannten Transfergutschein finanziell unterstützt.
Studentin Wiebke Zech im Jugendarrest. Mit einem Jugendlichen bespricht sie das von ihr entwickelte Arrest-Tagebuch.
Studentin Wiebke Zech im Jugendarrest. Mit einem Jugendlichen bespricht sie das von ihr entwickelte Arrest-Tagebuch. (Foto: Maike Glöckner)

Sozialarbeiterin und Praktikumsbetreuerin Regina Fraatz schließt die Tür zu einem Arrestraum auf. Das Fenster ist vergittert, auf einer Seite des Raumes steht ein Doppelbett, auf der anderen ein Tisch mit zwei Stühlen. Zwischen 24 Stunden und vier Wochen sitzen die Jugendlichen ihren Arrest ab. Das Tagebuch ist für diejenigen, die hier länger als eine Woche verbringen. Es soll sie dazu anregen, über sich selbst und den Grund für ihre Strafe nachzudenken. „Die Tagebuchidee von Martina Leske, einer Richterin am Amtsgericht, hat mich sofort interessiert“, sagt Wiebke Zech.

Um Ideen überhaupt weiterdenken zu können, braucht es finanzielle Unterstützung. Vor allem klein- und mittelständische Unternehmen ziehen Forschung gar nicht erst in Betracht. Wie sollten sie die auch bezahlen? Doch genau hier setzen die Transfergutscheine an. Eine viertel Million Euro hat das Ministerium für Wissneschaft und Wirtschaft in Sachsen-Anhalt 2012 bereitgestellt, um gemeinsame Projekte von Studierenden und Praxispartnern zu fördern. An den sieben Hochschulen im Land werden Transfergutscheine eingesetzt, um die Expertise aus Theorie und Praxis zu verbinden. Weil die Pilotphase erfolgreich lief, werden für 2013 wieder 183 Gutscheine an die Martin-Luther-Universität ausgegeben.

„Sie sind Türöffner für Praxispartner, die erst verschlossen sind, weil kein Geld oder keine Zeit vorhanden ist“, sagt Tina Küstenbrück. Die Leiterin des Career Centers der MLU ist verantwortlich für die Vergabe der Gutscheine. „Hat ein Studierender eine Idee und kann für die Umsetzung einen Praxispartner in Sachsen-Anhalt gewinnen, kann der Transfergutschein beantragt werden.“ Ebenso können auch Unternehmen oder Uniangehörige mit einer Projektidee auf sie zukommen, aber das passiere bisher eher selten.

Was habe ich davon, wenn ich etwas in das Tagebuch schreibe? Diese Frage stellen sich die meisten Jugendlichen im Arrest, wenn sie mit der Idee konfrontiert werden. Ein Problem, auf das Wiebke Zech eine Antwort zu finden versuchte. In Zusammenarbeit mit Regina Fraatz, den Bediensteten des allgemeinen Vollzugsdienstes und den Arrestanten und Arrestantinnen entwickelte Zech erste Lösungsvorschläge. „Es ist schwierig für die Jugendlichen, über sich selbst zu reflektieren“, sagt sie. „Deshalb ist eine vorgegebene Struktur wichtig.“ Das Tagebuch spricht verschiedene Themenkomplexe an und stellt Fragen, wie „Was habe ich in meinem Leben erreicht?“ oder „Warum bin ich in der Arrestanstalt?“ Fraatz ergänzt: „Allerdings wollen wir sie auch nicht bevormunden, weshalb es genügend Platz für eigene Gedanken gibt.“

Seit Oktober 2012 wurden mehr als 25 Tagebücher an die Jugendlichen ausgeteilt. Da die Eigenmotivation meist gering ist, müssen Außenreize geschaffen werden. Doch an dieser Stelle geraten Zech und Fraatz an ihre Grenzen. Möglichkeiten der Motivation gebe es kaum und seien nicht vorgesehen. „Es ist aber nicht Sinn der Sache, dass nur das Papier ausgeteilt wird“, so Fraatz. „Effektiver wäre es, täglich mit den Jugendlichen über die Tagebucheinträge zu sprechen. Allerdings fehlen dazu Zeit und Personal.“ Dass sich die Arrestanstalt finanziell an der Weiterbetreuung und Auswertung des Tagebuchprojekts beteiligt, erwartet Fraatz nicht. „Ich kann mir aber gut vorstellen, dass ein Studierender die Aufgabe weiterführt und die Arbeit durch einen zweiten Transfergutschein finanziert wird.“

Ein Gutschein als Türoffner

Die Beantragung eines Transfergutscheins ist einfach: Wichtigste Grundvoraussetzung ist, dass sich ein Studierender der MLU, ein Partner aus der Universität und ein Praxispartner aus Sachsen-Anhalt zusammenfinden, die sich am Projekt beteiligen. Bei einem ersten Gespräch schätzt Tina Küstenbrück ab, ob die 400 Euro gerechtfertigt sind. „Geklärt wird auch, welche Aufgaben der Student genau übernimmt“, sagt sie. Sobald das von allen Beteiligten unterschriebene Antragsformular bei ihr abgegeben wurde, erhält der Student den Transfergutschein. Dieser ist sechs Monate gültig. Nach Abschluss des Projekts werden die 400 Euro direkt an den Studierenden ausgezahlt. „Das Geld dient als Entlohnung und Belohnung für ihre Arbeit“, sagt Küstenbrück. In einem kurzen Bericht soll der Studierende schließlich reflektieren, welche Erfahrungen er durch das Projekt gesammelt hat.

2012 konnten alle 183 Gutscheine an Projekte vergeben werden. Vor allem Studierende der erziehungs- und geisteswissenschaftlichen Fächer haben die finanzielle Brücke bisher genutzt. Durch mehrere Transfergutscheine konnte auch ein Großteil der Ausstellung "Stefan Scholz - Vision Stadt" unterstützt werden. In einer Werkreihe wurden Fotografien des Künstlers präsentiert, welche in Dessau und Tel Aviv entstanden sind. Die ehrenamtliche Gruppe stuArt.07, ein Zusammenschluss aus Studierenden und Absolventen der MLU sowie der Burg Giebichenstein, hat die Ausstellung ein Jahr lang vorbereitet. Marija Falina, Bildende Künstlerin und 2010 selbst mit einer Ausstellung bei stuArt.07 vertreten, ist stolz auf das Projekt: „Wir haben viel Energie investiert und gemeinsam das Potential, welches eine Zusammenarbeit in diesem Rahmen möglich macht, voll ausgeschöpft.“ Aus unterschiedlichen Perspektiven hat sich die Gruppe dem Künstler und seinen Arbeiten genähert. Eine umfassende Publikation setzt sich wissenschaftlich mit dem Thema der Ausstellung auseinander. Begleitende Führungen, Vorträge und Workshops boten Einblicke für Besucher und Kinder.

„All das wäre ohne Hilfe der Transfergutscheine nicht möglich gewesen“, sagt Falina. Transfergutscheine als Türöffner − das bedeutet auch, dass die Tür nach dem Projekt weiterhin offen bleiben kann. Im besten Fall ergeben sich für die Studierenden Anschlussprojekte, Praktika oder Bachelor- und Masterarbeiten. Das langfristige Ziel ist, neue berufliche Perspektiven in Sachsen-Anhalt zu schaffen. Dort wo wirtschaftlich erfolgreich gearbeitet wird, können neue Jobs entstehen − so die Vorstellung im Ministerium für Wissenschaft und Wirtschaft. „In zahlreichen Projekten wurde die Finanzierung sogar vom Unternehmen aufgestockt“, erzählt Küstenbrück. Ab 2014 soll die Summe auf 1.000 Euro erhöht werden, kündigte die Wissenschafts- und Wirtschaftsministerin Birgitta Wolff an. Die Mittel dafür sollen aus dem Europäischen Sozialfonds kommen.

Der Einblick in die Jugendarrestanstalt hat Wiebke Zech gezeigt, dass sich nicht alle Ideen sofort realisieren lassen. Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Personengruppen hat sie „immer wieder zum Nachdenken und Umdenken angeregt.“ Tina Küstenbrück zieht eine durchweg positive Bilanz aus den Transfergutscheinen: „Für mich ist die Vielfältigkeit der Projekte faszinierend. Sie reichen von der Erforschung von Mikroalgen bis zum Entwurf eines Bewegungsparcours. Das bildet sehr schön die Bandbreite an der Universität und die Vielfalt der studentischen Aktivitäten ab.“ Text: Maria Preußmann

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