Die neue Vielfalt

11.11.2016 von wpunktw in Studium und Lehre, Campus
Studierende sind keine homogene Gruppe. Was das für die Lehre bedeutet, hat die Soziologin Peggy Trautwein vom Institut für Hochschulforschung untersucht. Ihre Studie ist auch für das landesweite Projekt „Heterogenität als Qualitätsherausforderung für Studium und Lehre“ relevant, in dem Lavinia Ionica von der Uni Halle mitarbeitet. Ines Godazgar sprach für das Unimagazin mit beiden darüber, wie Hochschulen der wachsenden Vielfalt gerecht werden können.
Viele Studierende wünschen in den ersten Semestern mehr Orientierungshilfen.
Viele Studierende wünschen in den ersten Semestern mehr Orientierungshilfen. (Foto: Markus Scholz)
Peggy Trautwein
Peggy Trautwein
(Foto: privat)
Frau Trautwein, wie verschieden sind denn die Studierenden von heute? Und warum ist das so? Trautwein: Generell lässt sich sagen: Die Heterogenität an den Hochschulen nimmt zu. Die Studierenden kommen nicht mehr nur mit dem klassischen Abitur zum Studium. Neben denjenigen, die über den zweiten Bildungsweg an die Hochschule gelangen, steht seit einigen Jahren Interessierten auch der dritte Bildungsweg offen: Sie können über die berufliche Qualifikation und eine Feststellprüfung ein fachgebundenes Studium aufnehmen. Diese Studierenden sind dann meist älter und haben häufig schon Familie. Dadurch steigt die Zahl derer, die früher eher nicht studiert hätten. Erfreulicherweise nimmt auch die Zahl internationaler Studierender in Sachsen-Anhalt von Jahr zu Jahr zu. Sie machen die Uni ebenfalls heterogener und brauchen spezielle Angebote und Hilfen. Ist diese Entwicklung ein Spezifikum Sachsen-Anhalts? Trautwein: Nein, das ist in der gesamten Bundesrepublik zu beobachten. In Sachsen-Anhalt tritt die Entwicklung jedoch besonders deutlich zu Tage. Dafür gibt es mehrere Gründe: Das Land ist am stärksten vom demografischen Wandel betroffen. Damit wird es schwieriger, Fachkräfte zu generieren und auch im Land zu halten. Weil das so ist, sind natürlich auch die Hochschulen gefordert. Sie müssen versuchen, auch Leute anzusprechen und für das Studium zu gewinnen, die früher vielleicht nicht studiert hätten. Warum? Trautwein: Das ist nicht nur politisch so gewollt, auch die Hochschulen haben ein ureigenes Interesse daran. Sie können nur überleben, wenn sie Nachwuchs finden, den sie erfolgreich ausbilden, davon hängt auch ein Teil ihrer Finanzierung ab. Insofern gilt es auch, die Studierenden erfolgreich an der Hochschule zu halten und zu einem Abschluss zu führen. An dieser Stelle sollte ein weiteres Spezifikum der Hochschulen in unserem Bundesland nicht unerwähnt bleiben: die hohe Quote an Studienabbrechern. Die Studienerfolgsquote im Land beträgt 67 Prozent und liegt damit sechs Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt. Vor allem in den MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, macht sich das negativ bemerkbar. Dieser Entwicklung muss etwas entgegengesetzt werden. Die Hochschulen haben auch eine Pflicht, Türen zu öffnen und Bildungschancen zu erhöhen. Das Institut für Hochschulforschung hat eine Studie angefertigt, um die Heterogenität an Sachsen-Anhalts Hochschulen zu erfassen. Wie muss man sich das vorstellen? Trautwein: Wir haben im Querschnitt erhoben, wie heterogen die Situation an den Hochschulen im Land ist und was sie brauchen, um darauf optimal reagieren zu können. Die Ergebnisse waren dazu gedacht, das seit 2012 bestehende Verbundprojekt „Heterogenität als Qualitätsherausforderung für Studium und Lehre“ mit Informationen zu unterstützen. 2013 haben wir deshalb alle Uni-Studierenden und einen Großteil derer an den Fachhochschulen des Landes befragt, welche Hilfen sie sich im Studium wünschen. Insgesamt haben wir knapp 6.000 Fragebögen ausgewertet. Was haben sich die Studierenden gewünscht? Trautwein: Die meisten Befragten gaben an, mehr Orientierung zu benötigen. Diese Aussagen decken sich übrigens mit Gesprächen, die wir mit Mitarbeitern der Studienberatungsstellen geführt haben. Sie berichteten, dass gerade Erstsemester mit dem hohen Grad an Selbstverantwortung, der bei Studienbeginn auf sie einstürmt, Probleme haben.
Lavinia-Ramona Ionica
Lavinia-Ramona Ionica
(Foto: Anke Tornow)
Frau Ionica, was tut denn die MLU aus Ihrer Sicht, damit sich die Studierenden besser zurechtfinden? Ionica: Es gibt bereits jetzt viele Maßnahmen, die dazu beitragen. Das Hochschulmarketing steht dafür als gutes Beispiel. Es gibt die Kampagne „Ich will wissen“, in deren Rahmen schon vor dem Studienbeginn viel Orientierung und Hilfe angeboten wird. Dass diese Instrumente greifen, zeigt sich dadurch, dass die Studieninteressierten inzwischen viel konkreter nachfragen als noch vor ein paar Jahren. Aber auch andere Institutionen bieten Hilfe und Orientierung an: Das Career Center, das zum Beispiel Angebote für Studierende mit Zweifeln am Studium bereithält. Das Familienbüro, das Entlastung und konkrete Hilfen für Studenten mit Kindern anbietet. All das gibt Struktur. Wie begegnen Sie im Rahmen des Projekts „Heterogenität als Qualitätsherausforderung für Studium und Lehre“ (HET-LSA) der studentischen Vielfalt? Ionica: Bei HET-LSA arbeiten alle Hochschulen des Landes gemeinsam daran, die Qualität der Lehre für eine heterogener werdende Zielgruppe zu verbessern. Alle Hochschulen profitieren dabei auch von den Projekten der anderen Standorte. Am LLZ – dem Zentrum für multimediales Lehren und Lernen der Uni Halle – liegt unser Fokus auf der Gestaltung einer guten Lehre mit Hilfe moderner Medien. Im Rahmen des Verbundprojekts haben wir deshalb auch eine Arbeitsgruppe zum E-Learning gegründet, die den Aufbau eines landesweiten E-Learning-Netzwerks zum Ziel hat. Die digitalen Medien sind für uns besonders interessant, denn mit ihnen kann man das Lernen und auch das Lehren sehr individuell und zeit- und ortsunabhängig gestalten. Wir bieten eine Ergänzung der bisherigen Möglichkeiten. Um diese Medien optimal nutzen zu können, werden im LLZ Dozenten geschult und beraten. Denn einfach nur Technik hinzustellen, reicht nicht aus. Der gesamte Prozess vom traditionellen hin zum multimedialen Lehren und Lernen muss begleitet werden. Wird das gut gemacht, wird die Lehre bereichert. Sie wird auch heterogenitätssensibler. Können Sie ein Beispiel aus Ihrem Bereich nennen? Ionica: Das LLZ bietet seit einigen Jahren die Möglichkeit, Vorlesungen aufzuzeichnen. Bis Jahresende sollen 25 Hörsäle mit entsprechender Technik ausgestattet werden. Die Dozenten und Dozentinnen können sich dann während ihrer Vorlesung aufnehmen lassen. Im Anschluss wird die Datei von uns bearbeitet und auf einer Lernplattform online zur Verfügung gestellt. Für wen ist das interessant? Ionica: Dafür gibt es viele unterschiedliche Nutzer: Zum Beispiel studentische Eltern, deren Kinder krank sind und die deshalb nicht an einer Vorlesung teilnehmen können. Aber auch internationale Studierende sind dankbare Abnehmer. Vor allem dann, wenn sie der Vorlesung aufgrund der Sprachbarriere nicht so schnell folgen konnten. Zudem ist diese Möglichkeit auch in Prüfungsphasen hilfreich, um sich damit optimal vorzubereiten. Oder wenn sich zwei Lehrveranstaltungen zeitlich überschneiden. Dieses Angebot wird zunehmend genutzt. Müssen die Dozierenden befürchten, dass keiner mehr zu ihren Vorlesungen kommt? Ionica: Das ist ein weit verbreitetes Vorurteil. Dafür gibt es jedoch keine Belege. Es bleiben den Vorlesungen nicht mehr Studierende fern als bisher. Und noch etwas ist zu beobachten: Das Angebot steigert letztlich die Qualität der Lehre. Wir haben die Dozenten befragt, wie sie sich auf eine Vorlesung vorbereiten, die aufgezeichnet wird. Einige haben gesagt, dass die Vorbereitung intensiver ausfällt und sie sich mehr Gedanken machen über Inhalte, Materialien und Vortragsstil. Das ist doch eine positive Entwicklung. Abgesehen von den multimedialen Angeboten – wie können Lehrende der wachsenden Vielfalt der Studierenden noch gerecht werden? Trautwein: Neben den erwähnten Orientierungssemestern bieten Hochschulen oft bereits vor Studienbeginn Auffrischungskurse an, beispielsweise Mathebrückenkurse. Daneben gibt es häufig Tutorien oder Mentorenprogramme, bei denen fortgeschrittene Studierende den Studienanfängern gezielt unter die Arme greifen. Nicht zuletzt setzen Hochschulen immer stärker auf bessere Vereinbarkeiten von Studium und Familie – beispielsweise durch die Unterstützung von Familienbüros sowie durch verlängerte Öffnungszeiten der Uni-Einrichtungen. Interview: Ines Godazgar

Die Diplom-Soziologin Peggy Trautwein ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Hochschulforschung, einem An-Institut der Uni Halle in Wittenberg. In einer deskriptiven Studie „Heterogenität als Qualitätsherausforderung für Studium und Lehre.“ hat sie 2015 den Stand der Heterogenität Studierender an den Hochschulen in Sachsen-Anhalt ermittelt.

Die Mediendidaktikerin Lavinia Ionica ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für multimediales Lehren und Lernen der Uni Halle. Seit September 2012 arbeitet sie im Verbundprojekt „Heterogenität als Qualitätsherausforderung“ und ist Co-Moderatorin der Arbeitsgruppe E-Learning.

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