Die Miss Marple vom Uniklinikum

04.11.2014 von Corinna Bertz in Personalia
Seit 40 Jahren werden am Uniklinikum Halle in Kröllwitz Patienten betreut und versorgt. Am 18. Oktober soll das gefeiert werden. Christel Fiebig war von Anfang an dabei: Als Auszubildende hat sie noch selbst im Bettenhaus 1 gewohnt und später auf verschiedenen Stationen gearbeitet. Heute ist sie als Hygienefachschwester im Qualitätsmanagement im ganzen Haus unterwegs und kennt das Krankenhaus so gut wie kaum jemand sonst.
„Ich fühle mich hier ein stückweit zu Hause.“ – Seit 40 Jahren arbeitet Christel Fiebig im Uniklinikum Kröllwitz.
„Ich fühle mich hier ein stückweit zu Hause.“ – Seit 40 Jahren arbeitet Christel Fiebig im Uniklinikum Kröllwitz. (Foto: Markus Scholz)

Dort, wo man sich heute in dem Gebilde aus Funktionsgebäuden, Bettenhäusern und Komplement schon mal verlaufen kann, steht 1974 nur ein einsamer Neubau auf einem Feld. In diesem Bettenhaus 1 will Christel Fiebig, damals 16 Jahre jung, ihre Ausbildung machen. „Ich hatte die Wahl zwischen dem Krankenhaus in Bad Frankenhausen oder dem neuen Klinikum in Halle-Neustadt, das vor allem für die Arbeiter in Buna und Leuna gebaut wurde. Da wollte ich hin!“ Mit 59 anderen Krankenschwester-Schülerinnen beginnt sie zum 1. September 1974 ihre Ausbildung in Kröllwitz. Fünf davon arbeiten noch heute, 40 Jahre später, am selben Standort. Das Bettenhaus 1 ist für sie damals Arbeits- und Wohnstätte zugleich. „Wir wohnten in der zehnten Etage und schliefen in Klinikbetten. Alle vier Wochen, wenn es zur Fachschule nach Weißenfels ging, mussten wir unsere Zimmer räumen“, erinnert sich die Hygienefachschwester in ihrem Büro, von dem sie auf das Bettenhaus blicken kann. „Hier draußen gab es damals nichts. Darum haben wir sogar in unserer Freizeit oft in der Klinik geholfen, Essen verteilt und Ähnliches.“ Mindestens fünf Tage in der Woche verbringt sie als Auszubildende im „Versorgungskrankenhaus Halle-Neustadt“. 160 Mark gibt es dafür monatlich. An freien Tagen fährt sie am liebsten mit dem Bus zur Familie nach Wiehe im Kyffhäuserkreis.

An ihre ersten drei Jahre in Kröllwitz denkt Christel Fiebig gern zurück. „Wir waren in der praktischen Ausbildung nur zu sechst. Da wurde man ständig gefordert. Wir haben alles an uns geübt – das Betten von Patienten, das Wäschewechseln, die Vorbereitungen für den Oberarzt.“ Nach anderthalb Jahren zieht sie in einen Wohnungsbau der Klinik, keine fünf Minuten entfernt. Für sie, die heute am Uniklinikum offenbar jeden kennt und von allen nur „Schwester Christel“ genannt wird, stand früh fest, dass sie einmal im Krankenhaus arbeiten wollte. „Damals gab es in Wiehe ein Landambulatorium. Die Sauberkeit dort, der Klinik-Geruch, hat mich fasziniert.“ Und mit sechs Geschwistern entwickle man sowieso eine soziale Ader, ergänzt sie schmunzelnd.

Klinik geht in Besitz der Uni Halle über

Im dritten Ausbildungsjahr erhält sie für ihre sehr guten Leistungen ein Stipendium von 50 Mark. Nach dem Abschluss folgt der Umzug in die erste eigene Dienstwohnung, die Hochzeit und vier Jahre in der Gynäkologie auf Station. Immer wieder sind die jungen Krankenschwestern auch als Aushilfe auf der Wochenstation gefragt. „Alle wollten damals Kinder kriegen – wir kamen kaum hinterher“, erinnert sich die 56-Jährige und lacht. „Einmal war der Kreissaal so voll, dass selbst im Flur Schwangere mit Wehen standen.“ Die jungen Ärzte am Klinikum setzen neue Maßstäbe: „Die Väter konnten bei der Geburt dabei sein und die Mütter durften die Neugeboren größtenteils selbst versorgen. Das war ein absolutes Highlight.“ Als das Krankenhaus 1979 in den Besitz der Martin-Luther-Universität übergeht, macht sich das in ihrem Arbeitsalltag kaum bemerkbar. Drei Jahre später wird das zweite Bettenhaus in Kröllwitz in Betrieb genommen und Christel Fiebig, die frisch aus dem Babyjahr zurückgekehrt ist, betreut nun Paare mit unerfülltem Kinderwunsch.

Der erste Bau des Klinikums, das Bettenhaus 1, wurde 1974 fertiggestellt.
Der erste Bau des Klinikums, das Bettenhaus 1, wurde 1974 fertiggestellt. (Foto: Christel Fiebig)

Nach 19 Jahren am Klinikum sollte sich ihre Arbeit dann aber grundlegend ändern. Als am Krankenhaus die ersten Hygienefachschwestern gesucht werden, schlägt man sie für die berufsbegleitende Ausbildung vor. „Meine erste Reaktion war: So einen Anscheißerposten mache ich nicht!“, erzählt Fiebig, die ihre Arbeit mit den Patienten nicht missen wollte. Dennoch willigt sie ein, absolviert die zweijährige Weiterbildung, und entwickelt Herzblut für ihr neues Thema – obwohl es von manchen Ärzten anfangs eher belächelt worden sei. Die drei Hygienefachschwestern pochen auf die Einhaltung der Vorschriften und müssen sich dazu auch gegen manchen Oberarzt durchsetzen. Mit dem ersten multiresistenten Keim, der 1995 bei einem der Patienten in Kröllwitz gefunden wird, ändert sich auch die Wahrnehmung des Themas. Antibiotika sind gegen multiresistente Erreger nicht oder nur eingeschränkt wirksam. In diesen Momenten ist die Verantwortung der Hygienefachkräfte immens. Auf ihr Handeln kommt es an. Denn für Patienten mit geschwächtem Immunsystem kann eine Infektion mit multiresistenten Keimen lebensgefährlich sein. Dank strikter Isolation und einer sehr genauen Dokumentation aller Abläufe bekommt man den Erreger damals schnell unter Kontrolle.

Neue Perspektive

Das Krankenhaus, das sie bereits seit mehr als 20 Jahren kennt, lernt Christel Fiebig in ihrer neuen Rolle noch einmal von einer ganz anderen Seite kennen. Auf allen Stationen kann sie sich heute umschauen, Patientenakten einsehen und mit Ärzten und Pflegepersonal besprechen. „Manchmal fühle ich mich dabei ein bisschen wie Miss Marple“, verrät sie und lacht. Akribisch dokumentiert sie Infektionen und Resistenzen, erstellt Leitfäden, schult Mitarbeiter und berät zu hygienerelevanten Fragen. Wenn sie heute durch die Kliniken läuft, hält sie außerdem die Augen und Ohren offen für etwaige Beschwerden oder Missstände. Denn seitdem der Bereich der Pflege vor drei Jahren umstrukturiert wurde, gehört „Schwester Christel“ zur Stabsstelle Qualitäts- und Risikomanagement. Wer etwas zu bemängeln hat, wendet sich an sie. „Ich fühle mich hier ein stückweit zu Hause und da blutet einem schon manchmal das Herz. Ich sehe, wo saniert werden müsste und wo das Geld fehlt. Aber ich sehe auch, was hier geleistet wird“, erklärt sie bestimmt. Seit sie 1974 als Schwester-Schülerin anfing, haben sich nicht nur ihre eigenen Aufgaben und das Uniklinikum grundlegend verändert. „Die Mentalität ist heute eine andere“, sagt sie nachdenklich. „Früher grüßten sich alle und wir sind uns mehr auf Augenhöhe begegnet.“ Deshalb engagiert sich Fiebig jetzt auch im neu gegründeten Arbeitskreis „Gesundes Krankenhaus“, der auch das respektvolle Miteinander unter den Kollegen stärken soll.

Am 18. Oktober feierte das Uniklinikum Halle sein 40-jähriges Jubiläum am Standort Kröllwitz. Die Neubauten wurden an diesem Tag von Ministerpräsident Reiner Haseloff eröffnet.

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