„Die Landwirtschaft ist Opfer und Täter“

28.01.2012 von Corinna Bertz in Im Fokus
"Es gibt keine nachhaltige Entwicklung ohne nachhaltige Landwirtschaft", ist Professor Olaf Christen überzeugt. Und während manche Landwirte noch zweifeln, wird am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der MLU schon länger intensiv zur Nachhaltigkeit geforscht und gelehrt, wie der Professor für allgemeinen Pflanzenbau und ökologischen Landbau im Interview erzählt.
Früher mit dem Kuhgespann, heute voll mechanisiert: Auf dem Julius-Kühn-Versuchsfeld der Agrarwissenschaftler wird auch heute noch gepflügt.
Früher mit dem Kuhgespann, heute voll mechanisiert: Auf dem Julius-Kühn-Versuchsfeld der Agrarwissenschaftler wird auch heute noch gepflügt. (Foto: Maike Glöckner)

War Nachhaltigkeit schon ein Thema, als Julius Kühn in Halle 1863 den ersten deutschen Lehrstuhl für Landwirtschaft eingerichtet hat?

Olaf Christen: Grundsätzlich ja, das Thema Nachhaltigkeit hat seinen Ursprung ja in den Forstwissenschaften und geht schon auf den Beginn des 18. Jahrhunderts zurück. Julius Kühn hatte auch ein sehr umfassendes Verständnis von Agrarwissenschaften, allerdings hat er sich persönlich nicht direkt mit dem Begriff und dem Konzept beschäftigt.

Kühn hatte auch die Idee zum „Ewigen Roggen“. Was hat der älteste Feldversuch für Roggen mit Nachhaltigkeit zu tun?

Olaf Christen ist Prodekan der Naturwissenschaftliche Fakultät III
Olaf Christen ist Prodekan der Naturwissenschaftliche Fakultät III
(Foto: privat)

Der ewige Roggen demonstriert die Möglichkeiten und Grenzen eines dauerhaften Anbaus bei unterschiedlicher Düngung und liefert damit Informationen für einen Teilbereich der Nachhaltigkeit. Nicht berücksichtigt dabei sind aber wirtschaftliche und soziale Aspekte. Das ist auf der Ebene eines Feldversuches nicht möglich, sondern kann nur auf einem landwirtschaftlichen Betrieb oder in einer Region untersucht werden.

Nachhaltigkeit wurde in den letzten Jahren immer stärker zu einem öffentlichen Thema. Spiegelt sich das auch in den Agrarwissenschaften in Lehre und Forschung wider?

Einzelne Teilaspekte sind in sehr vielen Lehrveranstaltungen integriert. Es gibt aber auch ganze Module im Masterstudium Agrarwissenschaften, die sich mit Nachhaltiger Landbewirtschaftung und den Bewertungsmethoden beschäftigen.

Welche Projekte zur nachhaltigen Entwicklung laufen gerade an Ihrem Lehrstuhl?

Im Fokus unserer Untersuchungen stehen derzeit insbesondere die Einflüsse von Bodenbearbeitungsvarianten auf Veränderungen bodenphysikalischer Eigenschaften sowie Stoff- und Energieflüsse auf der Ebene des landwirtschaftlichen Betriebes. In Kooperation mit anderen Kolleginnen und Kollegen der Universität entwickeln wir aber auch ein Beurteilungssystem zur Zertifizierung der Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Betriebe mit dem Schwerpunkt der Tierhaltung. Ein entsprechendes Projekt für die Pflanzenproduktion ist schon abgeschlossen und das System ist sogar kommerziell verfügbar. Übrigens ist hier eine Firma entstanden, die im Rahmen von entsprechenden Förderungen des Landes aus der Universität heraus von ehemaligen Mitarbeitern gegründet wurde.

An Ihrem Lehrstuhl gibt es auch eine "AG Nachhaltigkeit". Womit beschäftigt sich diese Arbeitsgruppe?

Neben den schon genannten Projekten gibt es dort noch einige Aktivitäten im Bereich der nachhaltigen Ernährung. Sie umfassen Untersuchungen darüber, wie sich unterschiedliche Ernährungsformen auf die Umwelt auswirken.

Wie entwickelt sich der Sektor der nachhaltigen Landwirtschaft zurzeit?

Derzeit wächst das Interesse an nachhaltiger Landwirtschaft sehr stark. Das hat aktuell seine Ursache in den Vorschlägen zur Reform der EU-Agrarpolitik. Hier wird eine grünere Agrarpolitik gefordert, das sogenannte ‚greening‘. Wenn das geschehen soll, muss diese grünere Politik irgendwie gemessen werden. Systeme zur Nachhaltigkeitszertifizierung werden hier sehr stark diskutiert.

Ein zweiter Bereich umfasst die gesamten Bemühungen des Lebensmitteleinzelhandels und der Lebensmittelindustrie nach einheitlichen Standards. Auch dort spielen Systeme zur Messung der Nachhaltigkeit eine entscheidende Rolle. Fast alle großen Konzerne sind hier aktiv. Auch seitens unserer Arbeitsgruppe bestehen intensive Kontakte.

Was spricht aus Sicht der Landwirte gegen nachhaltige Landwirtschaft?

Zwei häufig genannte Argumente betreffen die Kosten einer entsprechenden Analyse und der Aufwand zur Bereitstellung der Daten. Dem steht allerdings entgegen, dass normalerweise durch eine Nachhaltigkeitsanalyse auch Schwachstellen identifiziert werden können, die dann nicht nur zu ökologischen Vorteilen führen, sondern auch Einsparungen an Betriebsmitteln wie Düngung oder Pflanzenschutz führen. Meist sind die Daten auch verfügbar und können mit entsprechenden Programmen recht problemlos genutzt werden. Im Endeffekt ist es oft eine win-win-Situation.

Nachhaltigkeit wurde vor allem aufgrund von Krisen wie dem Klimawandel oder der Ressourcenkrise zu einem globalen Thema. Welche Rolle hat die Landwirtschaft bei der Entwicklung dieser Krisen gespielt?

Im globalen Kontext gibt es keine nachhaltige Entwicklung ohne eine nachhaltige Landbewirtschaftung. Beim Klimawandel ist die Landwirtschaft gleichzeitig Opfer und Täter. Hier sind mittel- und langfristig insbesondere die Länder Afrikas von klimatischen Veränderungen betroffen, die dann selbstverständlich auch die landwirtschaftliche Produktion betreffen werden.

Die größte Herausforderung im globalen Maßstab liegt in der ausreichenden Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln. War es früher eher ein Verteilungsproblem, entwickelt sich die globale Nahrungsversorgung immer stärker zu einem echten Mengenproblem. Gleichzeitig soll mehr Bioenergie auf dem Acker bereitgestellt werden und der wachsende, weltweite Fleischkonsum bedient werden. Und dies alles ohne die Umwelt negativ zu beeinflussen.

In der Gesamtheit – Nahrung, Fleischproduktion, Bioenergie, Umweltaspekte – wird das nur funktionieren, wenn zwischen den Teilzielen sachgerecht abgewogen wird. Das ist nachhaltige Landnutzung. Insofern kommt der Landwirtschaft hier eine Schlüsselrolle zu.

(Interview: Corinna Bertz)

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