Der Kopf des Kaisers unter Verdacht

25.07.2014 von Corinna Bertz in Forschung, Wissenschaft
Ein Bronzekopf von Kaiser Augustus, der derzeit im Archäologischen Museum der Universität ausgestellt ist, sorgt überregional für Aufsehen. Nicht etwa wegen seiner Einzigartigkeit, sondern weil er eine Fälschung ist. Zeichnet man die Stationen nach, auf denen das Stück von einem windigen New Yorker Antiquitätenhändler über einen Sammler aus der Schweiz nun als Leihgabe in Halle landete, wähnt man sich in einem Krimi. Eine Schlüsselfigur in diesem Szenario: Prof. Dr. Stefan Lehmann. Der Archäologe weiß, dass der gefälschte Augustuskopf kein Einzelfall ist.
Museumsleiter Prof. Dr. Stefan Lehmann.
Museumsleiter Prof. Dr. Stefan Lehmann. (Foto: Maike Glöckner)

Die Augen stehen zu eng. Die Mundwinkel sind leicht nach unten gebogen. Dadurch wirkt der Blick insgesamt eher düster. „Das kann kein Original sein“, sagt Prof. Dr. Stefan Lehmann von der Uni Halle, der in Fachkreisen als Experte für antike Bronzen gilt. Und dennoch war ein aus der Schweiz stammender Sammler im Jahr 1992 wie elektrisiert, als er die Figur in einem Antiquitätengeschäft in New York angeboten bekam. Sie war so anders als die üblichen antiken Augustus-Darstellungen, zeigte sie den römischen Kaiser doch mit einer strengen Feldherren-Miene. Ganz so, wie er als Mensch offenbar gewesen sein muss.

Der Sammler aus der Schweiz, Hans Humbel sein Name, griff zu. Man einigte sich auf einen Kaufpreis von 375.000 US-Dollar, der zunächst an einen Zwischenhändler in München gezahlt wurde. Per Luftfracht gelangte der Augustus-Kopf nach Zürich, wo seinen neuen Besitzer bald erste Zweifel beschlichen: Bereits 1983 war in einem Museum in Madrid eine ähnliche Figur aufgetaucht, die kurze Zeit später als Fälschung entlarvt werden konnte. Außerdem stellte sich heraus, dass beim Kauf in New York nicht alles mit rechten Dingen zugegangen war. Besagter Händler hatte keine juristisch weiße Weste, schlimmer noch, am Tag des Kaufs weilte in seinem Laden auch ein Mann namens Bob Hecht, der in Fachkreisen als Akteur einer weltweit agierenden Antiquitätenmafia bekannt ist und bereits wegen Hehlerei vor Gericht stand.

Die Jahre vergingen, doch die Sache ließ dem Sammler aus Zürich keine Ruhe. Er wollte Gewissheit. Als Stefan Lehmann im September 2013 in der Schweiz zu einem Archäologen-Kongress weilte, wurde er von ihm mit der Bitte um Hilfe kontaktiert. Lehmann leitete den Augustus an ein Fachinstitut weiter, das in einem Gutachten das Offensichtliche noch einmal mit wissenschaftlichen Methoden der Materialprüfung bestätigte, nämlich dass die Figur in der Tat eine Fälschung ist. Bedenkt man die Umstände, die für den inzwischen über 80-jährigen Sammler Hans Humbel alles andere als schmeichelhaft gewesen sein dürften, so ist es auch seine Leistung, dass besagter Bronze-Augustus derzeit in Halle zu sehen ist. „Wir sind ihm sehr dankbar dafür“, sagt Archäologe Lehmann, der mit Humbel aushandelte, dass der 33 Zentimeter hohe Bronzekopf für zwei Monate im Archäologischen Museum des Robertinums öffentlich gezeigt werden darf.

Weit gefehlt, wer nun denkt, dass es sich bei der Fälschung lediglich um einen Einzelfall handelt. Lehmann weiß von rund 20 weiteren hoch verdächtigen Köpfen, die in den vergangenen Jahren wie aus dem Nichts auftauchten. Bei der Beurteilung der Echtheit derartiger Objekte gelte oft: Man hätte es sehen können, die Frage ist nur, wollte und will man es auch sehen? Einerseits arbeiten Fälscher heutzutage oft sehr professionell, was das Erkennen von Falsifikaten erschwert, andererseits herrscht in den angesehenen Museen der Welt ein großer Druck, der den Ankauf von Objekten zweifelhafter Herkunft zumindest begünstigt. „Vor allem in den USA wird von Kuratoren erwartet, dass sie spektakuläre Stücke in die Sammlungen holen. Außerdem ist dort oft sehr viel Kapital für den Ankauf vorhanden“, sagt Lehmann. Davon wiederum fühlen sich Fälscher magisch angezogen. Und so erhält das System sich selbst.

Sind die Werke einmal in einem Museum gelandet, sinkt dort oft zugleich das Interesse an der Aufklärung einer etwaigen Fälschung, wohl auch deshalb, weil man sich keine Blöße geben will, wie jüngst ein Fall aus der Schweiz eindrucksvoll gezeigt hat. Auch hier spielte Stefan Lehmann wieder eine Schlüsselrolle. Der Hallenser unternahm mit seinen Studierenden eine Exkursion nach Basel ins Antikenmuseum. „In der Ausstellung sind mir gleich zwei Bronzeplastiken aufgefallen, die nicht echt sein konnten“, sagt Lehmann, der mit diesem Urteil in der Fachwelt großes Aufsehen erregte. Die Museumsleitung ist über Lehmanns Coup bis heute verärgert. Wohl auch, weil sich inzwischen herausgestellt hat, dass der Mann Recht hat. War man anfangs noch der Meinung, ihn widerlegen zu können, so sprechen inzwischen die Fakten eindeutig für den Experten aus Halle: Ein Gutachten hat ergeben, dass ein Kopf aus dem Basler Museum aus dem gleichen Material-Mix gegossen worden ist wie der Augustuskopf. Offenbar hatten gewiefte Fälscher antikes Bronzematerial in einem Tiegel zum Schmelzen gebracht.

Antike Bronzefiguren, insbesondere Fälschungen, beschäftigen Stefan Lehmann schon sein gesamtes akademisches Leben. Sein Blick ist inzwischen durchaus gefürchtet. Zum Beispiel, wenn der Archäologe einmal im Jahr nach Maastricht fährt. Dort findet jeweils im März die weltgrößte Antiquitätenmesse statt. Lehmann: „Kein Kunsthändler freut sich, mich zu sehen.“

Ines Godazgar

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