Dem traditionellen Spargespenst zum Trotz …

29.06.2013 von Corinna Bertz in Forschung, Rezension, Wissenschaft
… ist das Hauptgebäude der Alma Mater Halensis ein architektonisches Juwel. Einst war es nämlich als Dreiflügelbau geplant – das zeigen die Entwürfe des Schinkel-Mitarbeiters Carl Ferdinand Busse, von Karl Friedrich Schinkel selbst und vom Dezernenten der Königlichen Oberbaudeputation Carl Ferdinand Busse. Leider wurde der von König Friedrich Wilhelm III. zur Verfügung gestellte Etat (64.300 Taler bei Baubeginn im Jahr 1832) schon hoffnungslos überzogen, ehe der zentrale Teil fertig war. Deshalb blieb es bei dem Torso, der ja eigentlich fast dreimal so groß werden sollte. Die Seitenflügel wurden – nicht zuletzt, weil auch die Fundamente dafür fehlten – nie gebaut. Und so ist das Löwengebäude trotz seiner imposanten Gestalt ein steinerner Beweis für die permanente Finanzmisere der halleschen Universität. Denn auch späteren Vorstößen, den Bau doch noch zu vollenden (1844 und 1867), war kein Erfolg beschieden.
Im Wandel der Zeit: Vom Barfüßerkloster zum Löwengebäude.
Im Wandel der Zeit: Vom Barfüßerkloster zum Löwengebäude.

Sowohl die Vorgeschichte – vom erstem, am 13. Oktober 1823 vom Kanzler und Rektor der Universität August Hermann Niemeyer an den preußischen König Friedrich Wilhelm III. gerichteten und zunächst abgelehnten „Immediatgesuch“ über die schwierige Wahl des Bauplatzes (nebst dessen Kauf) und des Architekten bis zur Grundsteinlegung anlässlich des 62. Geburtstags des Königs am 3. August 1832 – als auch das Baugeschehen selbst weisen zahlreiche (kunst-)geschichtliche Details auf, die das universitäre Leben und Treiben jener Zeit anschaulich illustrieren. Es galt manche bautechnische Schwierigkeiten zu meistern, bis der eindrucksvolle Hauptbau der Vereinigten Fridericiana am Reformationstag 1834 feierlich eingeweiht werden konnte. Bei der Gelegenheit wurden nicht nur Festreden zelebriert, sondern auch Ehrenpromotionen vergeben, unter anderem an den Kurator der Universität Gottlieb Delbrück und an den Oberbaurat Wilhelm Heinrich Matthias.

Ende gut, alles gut? Nein, denn nun begann das Tauziehen um Ausstattung und Dekoration der fast noch leeren Innenräume – selbst die Aula sah nicht entfernt so prächtig aus wie heute. Nur mit zwei Büsten wurde sie zur Einweihung geschmückt: mit einer Bronzebüste Friedrich Wilhelm III. von Christian Daniel Rauch und einer Replik der Marmorbüste Niemeyers von Christian Friedrich Tieck. Denn es ging eben schon damals infolge des beherrschenden Zwangs der Finanzen ohne privates Engagement nichts. Erst ab 1854 stellte man weitere Gelehrtenbüsten auf. 1868 wurde die Freitreppe mit Abgüssen der Schadow’schen Löwen geschmückt; vorher zierten sie (seit 1823) einen Brunnen auf dem halleschen Marktplatz, und Heinrich Heine hat ihnen in seiner „Harzreise“ in literarisches Denkmal gesetzt. Schließlich wurde ab 1870/71 die repräsentative Ausstattung des akademischen Festsaals in Angriff genommen – möglich war das dank einer Initiative des damaligen Rektors Karl Hermann Knoblauch (derselbe, der 1878 als deren Präsident die Leopoldina nach Halle holte!) und der Witwe des Medizinprofessors Peter Krukenberg (einer Tochter Johann Christian Reils). Auf ihre Kosten gestaltete der Universitätsarchitekt Rudolf Steinbeck die Aula im „pompejanischen Stil“ – so, wie man sie seit dem Universitätsjubiläum 2002 wieder bewundern kann.

Noch bis 12. Juli 2013 erwartet die Ausstellung „Vom Barfüßerkloster zum Löwengebäude“ ihre Besucher. Doch auch danach, wenn sie ihre Pforten längst geschlossen haben wird, kann man sich und andre noch an den schönen Bildern erfreuen.

Denn der Chef der Zentralen Kustodie der Universität, Ralf-Torsten Speler, brachte im fliegenkopf verlag ein Broschürchen im Westentaschenformat heraus, das als informativer Einstieg in die Geschichte des Bauwerks bestens geeignet ist – sowohl für hallesche Uni-Fans als auch für interessierte Gäste aus nah und fern. Zwei Dutzend farbige Abbildungen illustrieren den Text, der kurz und knapp alles Wesentliche enthält. Ein Blick auf die mehrfach preisgekrönte Umgestaltung des Uniplatzes zu Beginn des neuen Jahrtausends rundet das Büchlein ab.

Margarete Wein

► Ralf-Torsten Speler: Das Hauptgebäude der Universität zu Halle, 32 Seiten, 24 farbige Abbildungen, Halle 2013, 5,00 Euro, ISBN 978-3-930195-58-9

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