Das Touchpad als Patschpad?

13.02.2012 von Corinna Bertz in Forschung, Wissenschaft
Handys mit klassischen Tasten sind seit jüngster Zeit genauso wenig gefragt wie Festnetzanschlüsse. Wer sich ein neues Telefon zulegt, greift immer häufiger zu Geräten mit Touchpad-Oberfläche. Nicht nur Erwachsene können damit spielend leicht umgehen - Beobachtungen zeigen, dass es schon Kleinkinder intuitiv bedienen können. Videos auf der Internetplattform Youtube beweisen, wie schnell sie begreifen, was zu tun ist. Die Händchen wischen, ziehen und patschen auf dem Display herum, bis sich ihr Lieblingsprogamm öffnet.
Wischen, Ziehen, Patschen: Daria und Oliver haben schnell gelernt, wie man ein Touchpad bedient.
Wischen, Ziehen, Patschen: Daria und Oliver haben schnell gelernt, wie man ein Touchpad bedient. (Foto: Christian Günther)

Die Wirtschaft hat die Kleinsten bereits als Kunden für sich erkannt: Immer mehr Spiele kommen auf den Markt – von Memory HD bis zu elektronischen Malprogrammen. Endlich machen Fingermalfarben keine Schmierereien mehr. Eine Entlastung für gestresste Eltern. Mit speziellen Lernprogrammen kann schon die Intelligenz von Dreijährigen gefördert werden. Das Touchpad – das neue Wundergerät für Kinder?

„Auch wenn die Kinder mit einem Tablet Computer intuitiv umgehen können, heißt das noch lange nicht, dass sie ihn sinnvoll nutzen“, meint Dr. Mirjam Ebersbach. Die Privatdozentin am Institut für Psychologie der MLU steht dem Hype eher kritisch gegenüber: „Was sollen Kinder mittels Tablet Computer lernen? Sie werden viel mehr gefördert, wenn sie zum Beispiel eine lebende Kuh sehen, riechen, hören und anfassen können, als wenn sie auf ein Kuhsymbol klicken, das ein elektronisches Muh macht. Alltägliche Sinneswahrnehmungen spielen eine große Rolle für das Lernen. Sie ermöglichen, dass junge Kinder bereits intuitives Wissen über physikalische Gesetzmäßigkeiten entwickeln.“

Forschung zu den Vorzügen des Gebrauchs von Touchpads durch Kinder gibt es bislang noch nicht. Intuitive sinneswahrnehmungsorientierte Fähigkeiten konnte Mirjam Ebersbach aber schon mit ihrer Forschung nachweisen. Experimente haben gezeigt, dass fünf- bis sechsjährige Kinder das exponentielle Wachstum von Mengen intuitiv schätzen können. Sollten sie eine Perlenmenge darstellen, die sich wiederholt verdoppelt, konnten sie das erstaunlich gut, selbst wenn sie noch nicht zählen konnten. „Die Fähigkeiten von Kindern dürfen nicht unterschätzt werden“, meint Ebersbach.

Vorgefertigte Spiele auf dem Touchpad hingegen minimieren die sinnlichen Erfahrungen, reduzieren die Zeit, in der sich Kinder aktiv bewegen und regen nicht einmal die Fantasie an. „Nichtsdestotrotz können computerbasierte Programme bei älteren Kindern in beschränktem Umfang eingesetzt werden, um konkrete Fähigkeiten, wie das Zählen oder Schreiben zu üben. Lernen funktioniert jedoch immer besser in der sozialen Interaktion mit anderen Menschen als an einem Gerät.“

Doch erlangen Kleinkinder durch die frühe Beschäftigung mit dem Gerät zumindest ein ausgeprägtes Technikverständnis? „Ich halte das Argument für schwach“, sagt die Psychologin. "Computer lassen sich heutzutage so leicht bedienen, dass man den Umgang mit ihnen nicht schon im Kleinkindalter üben muss.“ Der Industrie ist das egal. Sie verkauft Touchpad-Spiele als ideale Beschäftigungs- und Förderprogramme für Kinder. Es liegt in der Verantwortung der Eltern, sich davon nicht blenden zu lassen. „Aber genau dafür ist die Forschung da: um Vor- und Nachteile solcher neuen Entwicklungen wissenschaftlich zu untersuchen“, sagt Ebersbach. Text: Maria Preußmann

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Psychologie

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