Begehrte Rädchen im Lehrgetriebe

05.07.2012 von Corinna Bertz in Studium und Lehre, Campus
Beinahe jeder Studiosus kommt früher oder später in Berührung mit dem Veranstaltungsformat Tutorium. Die Varietät derartig betitelter Veranstaltungen ist groß – sie werden als Diskussionsrunden, Praxisstunden, Nachhilfe oder Zusatz-Seminare definiert und lassen sich kaum auf einen Nenner bringen. scientia halensis hat versucht, dem Chamäleon unter den Lehrveranstaltungen auf die Spur zu kommen.
Im Tonstudio kennt er sich aus: Audio-Tutor Jörg Langguth (links im Bild).
Im Tonstudio kennt er sich aus: Audio-Tutor Jörg Langguth (links im Bild). (Foto: Maike Glöckner)

Freitag, 14.15 Uhr im Mitteldeutschen Multimediazentrum. Es ist einer von neun Terminen pro Semester, bei denen Jörg Langguth, Magisterstudent der Medien- und Kommunikationswissenschaften (MuK), Psychologie und der Berufsorientierten Linguistik im interkulturellen Kontext, mit 15 bis 20 Erstsemestern Aufgaben im Bereich „Audio“ behandelt. Die Studierenden sitzen an iMacs und folgen seinen Anweisungen auf der Leinwand. Es gilt, den Beitrag eines Kindes zu einer wohlgeformten Wortmeldung zurechtzuschneiden.

Jörg Langguth ist seit sechs Semestern einer von zwei als studentische Hilfskraft am Department für Medien und Kommunikation der Martin-Luther-Universität angestellten Audio-Tutoren. Neben zwei weiteren Tutorien zu den Themen Video und Multimedia ist das Audio-Tutorium obligatorischer Teil der medienpraktischen Ausbildung im Bachelorstudiengang MuK. „In Seminaren werden theoretische Grundlagen vermittelt, in Tutorien erlernt man das Handwerkszeug“, erklärt der 27-Jährige.

Langguth legt vor allem darauf Wert, den Studierenden auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. „Die Tutanden, die gerade mit ihrem Studium beginnen, nehmen mich anfangs eher als Dozenten wahr. Ich bemühe mich stets darum, diese Distanz zu verringern.“ Das gelingt ihm insbesondere dadurch, dass er persönliche Erfahrungen teilt und Anwendungsbeispiele aufzeigt. „Das theoretisch Erlernte von der abstrakten auf eine praktische, lebensnahe Ebene zu übertragen, liegt mir besonders am Herzen, da es das ist, was mir im Magisterstudium oft gefehlt hat. Mir war häufig nicht klar, wozu ich das gerade lerne – was ich damit später mal machen kann“, berichtet Langguth.

Das hat einen weiteren positiven Effekt: „Wissen die Studierenden, wozu sie diese Dinge lernen, erhält das Studium für den Einzelnen sehr viel mehr Sinn. Sie sind deutlich motivierter, bringen mehr Eigeninitiative auf. Dadurch wird auch die Zusammenarbeit im Tutorium merklich entspannter und effizienter.“

"... im Tutorium erlernt man das Handwerkszeug."
"... im Tutorium erlernt man das Handwerkszeug."
(Foto: Maike Glöckner)

Für Robert Berger, Student der Lebensmittelchemie an der MLU, sieht es in seinem Fachbereich etwas anders aus. Gehören Tutorien etwa im Bereich der Medienwissenschaften fest zum Studienalltag der Bachelor in spe, sind sie in der Lebensmittelchemie ein Novum. Seit dem Wintersemester 2011/2012 ist Berger als studentische Hilfskraft bei Prof. Dr. Marcus Glomb, Inhaber des Lehrstuhls für Lebensmittelchemie, über Fördermittel aus dem MINT-Programm als Tutor für das Hauptfach Lebensmittelchemie beschäftigt. Mit den Studierenden wiederholt er die Theorie aus Seminaren und Vorlesungen und bespricht die Vorgänge aus den Laborpraktika.

„Das Tutorium ist das erste dieser Art in unserem Fachbereich, die Nachfrage ist groß“, berichtet der 24-Jährige. Das bestätigen die Zahlen: „80 bis 90 Prozent der Studierenden haben regelmäßig teilgenommen und eigentlich durchweg ein positives Feedback gegeben“, so Berger. Auch Professor Glomb, der die Fördermittel jedes Semester neu beantragen muss, zeigt sich zufrieden: „Die Erfolgsquote der Prüfungen ist gestiegen, das Tutorium lohnt sich durchaus.“

Mehrbedarf an Tutorien hat Berger auch in anderen naturwissenschaftlichen Bereichen feststellen können. Seit seinem dritten Fachsemester bietet er Medizin- und Zahnmedizinstudierenden gegen eine geringe Aufwandsentschädigung private Nachhilfe-Tutorien in Chemie und inzwischen auch in Biochemie an – wahlweise über das ganze Semester oder in Form von “Crashkursen“. Mit maximal fünf Teilnehmern sind seine Gruppen sehr klein. „So kann ich gezielt da einsteigen, wo es brennt, und dialogisch Fragestellungen mit den Studenten bearbeiten“, sagt der angehende Examenskandidat.

Selbstzahler-Tutorien – die Zukunft?

Mehr Beteiligung der Studierenden in Tutorien sei allerdings wünschenswert. „Die Einstellung zum Selbststudium hat sich gewandelt. Von einzelnen Studierenden kann weniger gefordert werden wegen höherer Studierendenzahlen“, glaubt Berger. „In meinen Tutorien versuche ich, die Studenten dazu etwas anzukurbeln, indem ich sie Übungsaufgaben, aber auch ihre eigenen Fragestellungen selbst lösen lasse.“

Seine Medizin studierenden Tutandinnen sind sehr froh über das private Angebot. „Seminare sind zum Aufarbeiten des Stoffes wenig hilfreich. Kleine Tutorien wie Roberts, die man auch kurz vor der Prüfung in Anspruch nehmen kann, sind deutlich effizienter“, findet Constanze Cavalier. „Die Tutorien sind sehr sinnvoll. Sie haben mir im letzten Semester auch durch Physik geholfen“, meint Luise Drewas. Außerdem gefällt es ihr, von Studierenden unterrichtet zu werden. „Sie haben spezielle Tipps, worauf gesteigert Wert gelegt wird, und die Atmosphäre ist entspannter.“

Während beide grundlegend bereit sind, für Nachhilfe in Form zusätzlicher Tutorien zu zahlen, wünschen sie sich doch offizielle Anlaufstellen und mehr Unterstützung vonseiten der Fachschaft: „Es wäre schön, wenn einem vom Fachschaftsrat zumindest anteilig etwas von dem Geld zurückerstattet werden würde, denn manch einer besucht mehrere Tutorien. Das kann sich ganz schnell summieren“, so Luise Drewas.

Die Chancen, dass dieser Wunsch in Erfüllung geht, stehen nicht schlecht: Auch Prof. Dr. Stefan Ebbinghaus vom Institut für Chemie der MLU, der eine Vorlesung für Medizinstudierende hält, bekommt vermehrt Anfragen von seinen Studierenden nach Tutorien oder Nachhilfe-Unterricht. „Ich wandte mich an den Fachschaftsrat Chemie mit der Frage, ob es möglich wäre, ein Tutorium für die vielen an meiner Vorlesung teilnehmenden Studenten zu organisieren. Leider fanden sich in dem Semester aber nur zwei Tutoren“, so Ebbinghaus.

Daher habe man mit Vertretern aus Medizin und Physik beschlossen, künftig frühzeitig hinreichend viele Tutorien in den für Medizinstudierende relevanten Nebenfächern zu organisieren, da trotz der zusätzlich zu den Vorlesungen stattfindenden Seminare der Bedarf groß ist. „Die Studenten sollen bei Inanspruchnahme vier Euro pro Sitzung an den Tutor zahlen. Am Ende des Semesters können sie sich zwei Euro pro besuchter Sitzung vom Fachschaftsrat zurückerstatten lassen“, erklärt der Professor für Anorganische Chemie. „Das ist die einfachste Weise, den Mehrbedarf zu decken für eine nahezu symbolische Aufwandsentschädigung von zwei Euro.“

So divers Tutorien an der Universität in Erscheinung treten, gemein ist allen, dass sie von Studierenden vergleichsweise höherer Semester durchgeführt werden. Das Format erfreut sich großer Beliebtheit wegen tendenziell kleinerer Gruppenstärken, vor allem aber aufgrund der Begegnung auf gleicher Augenhöhe.

Für Studierende, die zu Tutoren avancieren, scheint es ein nicht allzu kompliziertes „learning by doing“ durch die eigene zeitliche und perspektivische Nähe. Geschenkt sei es dennoch nicht: „Man sollte ein Tutorium mindestens zwei oder drei Semester lang durchführen um herauszufinden, bei was die Studierenden wirklich Hilfe brauchen“, empfiehlt Jörg Langguth. Belohnt wird man für die Lehrtätigkeit nicht nur mit einer Referenz im Lebenslauf.

Für Robert Berger ist die Wiederholung des Stoffes zugleich eine gute Vorbereitung auf das Staatsexamen. Aber mehr noch: „Ich hätte mir früher keineswegs vorstellen können, nach dem Abschluss an der Universität oder an anderer Stelle zu lehren. Durch die Tätigkeit als Tutor habe ich jedoch festgestellt, dass das sehr viel Freude bereiten kann.“

Text: Melanie Zimmermann

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